Bohemian Rhapsody

Lange baumelnde Ohrhänger im Gegenzug zu kurz abgeschnittenen Hotpants – Festivalbesucher von heute fassen folkloristische Romantik als ein Ausdruck ihrer freigeistigen Leidenschaft des Lebens im Hier und Jetzt auf – der Bohemian Style kehrt auch in diesem Sommer zurück.

Die Designer feierten dies in diesem Frühjahr auf dem Runway und verwandelten altertümliche Referenzen  – von bäuerlichen Blumenmustern bis hin zu handverziertem Leder  und Gypsy Stickereien – in überwältigende Kunstobjekte, die inzwischen zu den begehrtesten Statement Pieces der Saison zählen.

Doch diese modische Boholiebe hat tiefe Wurzeln, die weit über die Blumenkinder des Coachellafestivals hinausreichen, und zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts führen, als die Mode gegen Auflagen verstoß und damit eine neue Welt eröffnete.

Paul Poiret war es, der 1903 gegen das vorgegebene Korsett boykottierte, und stattdessen weite Kleidung entwarf, die von fließenden Silhouetten persischer Männerkleider inspiriert war. Er rebellierte mit Exotischem gegen den damaligen Chic und wurde schon bald der “Picasso der Mode” genannt.

Haremshosen, Humpelröcke und lampenschirmartige Tuniken basierend auf östlichen Schnitten und drapierten Stoffen. In höheren Kreisen wurden die Kleider zunächst als skandalös bezeichnet und sorgten ordentlich für Aufregung. Es gibt Gerüchte, dass die russische Prinzessin Bariatinsky angesichts eines verstörenden Kimonomantels verlauten ließ, in Ihrem Heimatland hätte ein solcher Verstoß die Enthauptung bedeutet. Welch Ironie, das Poiret das Russische Ballet mit Kostümen ausstaffierte, und ein Liebling des gefeierten Stars Nijinsky wurde.

Im Jahr 1919 schloss Poiret seine Türen und trat aus dem Rampenlicht, doch sein Erbe blieb unerwartet lebendig. Der Grund: Eine Welle von gegenkulturell eingestellten Gruppen, Flappers und Auswanderern, die auf den beliebten Pariser Flohmärkten in den 30er-Jahren Vintagekleider aufspürten. Diese mixten sie mit Fin-de-Siècle Schmuck, ausrangierten Theaterkostümen und Gypsy-Stickereien, wodurch ein vielseitiger Look entstand, der links des Seine-Ufers schon bald zum vorgeschriebenen Standard wurde. Eine Expertin auf diesem Gebiet war die aufstrebende Tänzerin Vali Myers, die sich zur Künstlerin und Muse wandelte, Affairen mit Jean-Cocteau und Salvador Dali einging, und einen unnachahmbaren Stil pflegte.

Yves Saint Laurent wurde davon inspiriert, dessen Karriere von seinen eigenen folkloristischen Abenteuern geprägt war. Berühmt wurde sein Haute Couture–Outing im Winter 1976 mit einer Reminiszenz an die slawische Opulenz, das als die ikonische Russische Kollektion in die Modegeschichte einging.

Zu dieser Zeit galt es als unerhört, sich direkt gegen den omnipräsenten Disco Glam zu stellen, doch der Look überlebte das Trendkarussell und inspirierte die nächste Generation.  Zum Beispiel ein junges italienisches Duo, Domenico Dolce und Stefano Gabbana, das erst kürzlich seine sizilianischen Wurzeln wiederentdeckte, und ihnen mit handgearbeiteten Spitzenschleiern, ländlichem Barock und einer guten Dosis südländischem Sex-Appeal Tribut zollte.

Heute nimmt Peter Dundas für Emilio Pucci und Valentinos Maria Grazia Chiuri sowie Pierpaolo Picciolo das Erbe bewusst auf und erfindet die Bohemian-Romantic neu – mit einer majestätischen Gelassenheit und einem Hauch Rock’nRoll-Attitüde: darunter Stickereien und eine Menge Ornamente, aber auch Nieten, die das Handwerk updaten. Der besondere Reiz, der davon ausgeht, feiern nicht nur Freigeister auf der ganzen Welt, sondern auch unsere prächtige Modegeschichte.

 

Dagmar Patricia Armbruster

 

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