Der Start für die Designer in eine neue Saison beginnt mit einem Besuch auf den großen Stoff- und Garnmessen in Paris, München oder Florenz. Dort werden die Stoffe und Garne für die neue Saison gezeigt, dort präsentieren große Trendbüros neue Farben und Strömungen für die zukünftige Mode, die ein Jahr später in den Verkauf kommt.

So pilgert das Modevolk im Februar nach Paris, um bei Außentemperaturen von -2 Grad die neusten Sommerstoffe für den übernächsten Sommer auf der Premier Vision, der größten europäischen Stoffmesse, ausfindig zu machen. Der Sommer 2018 ist längst in Produktion und der Winter bereits zusammengestellt. Eine verrückte Situation, in der man als Designer ganz schnell vergessen kann, in welcher Jahreszeit man sich eigentlich befindet.

Das ganze Spektakel beginnt üblicherweise auf dem Bahnhof Gare du Nord. Dort sammelt sich eine Traube oftmals schwarz gekleideter, modischer Menschen, die sich in eine überfüllte Metro stürzen, um bis zum Messezentrum „Parc des Exposition” zu fahren, das außerhalb von Paris liegt. Eng und voll bleibt es beim Kampf um eine Eintrittskarte, bis man endlich die heiligen Hallen erreicht, in denen die neuen Trends wie ein großes Geheimnis gehütet werden. Fotografieren ist strengstens verboten, alles darf nur angeschaut werden, deshalb wird eifrig geschrieben, skizziert und die Namen der neusten Stoffe und deren Hersteller notiert.

Durch 5 große Hallen mit 2000 verschiedenen Ausstellern aus der ganzen Welt von europäischen Webern aus der Schweiz, Frankreich, Portugal, über Italien und Großbritannien, sowie Japan oder China wandernd, suchen die Kreativen Stoffe, Knöpfe und Bänder für den Sommer 2016. Die Kunst ist es, aus dem reichhaltigen Spektrum an Angeboten genau das Richtige auszuwählen. Auf den großen Stoffmessen treffen sich namhafte Designer wie Jil Sander oder Marc Jacobs genauso wie die Designer der großen Retailer von H&M bis Zara und den unendlich vielen kleinen Labels. Jeder versucht für den Start in die neue Saison, die passenden Stoffe für seine Kollektionen zu finden.

Große Farbkarten, Stimmungsbilder und Filme zeigen die Richtung, in die sich der Trend 2016 bewegen wird. Entsprechende Literatur wird zum Kauf angeboten. Orientierung geben auch die anwesenden Trendagenturen, wenn es um die Frage geht, welcher Trend ist in der nächsten Saison angesagt. Das Angebot erstreckt sich über Vorträge bis hin zu den heiß begehrten Styleguides. Diese Trendbücher präsentieren gebündelt die internationalen Beobachtungen der Trendscouts, werden detailliert analysiert und in Schnitten, Stoffen und Farben visualisiert. Trendscouts suchen weltweit Trends, sowohl auf der Straße als auch auf Fashionblogs; insbesondere suchen sie Personen, deren Stil herausragend ist. Heutzutage fotografieren Blogger Outfits auf der Straße oder zeigen, was sie selbst anhaben, und stellen ihre Ergebnisse ins Netz. Wer heute halbwegs informiert sein möchte, hat es leicht. Was in den internationalen Metropolen en vogue ist, kann jeder via Internet mitverfolgen. Doch nicht nur hier werden die Karten neu gemischt, auch in den Modelagenturen macht sich das Kommunikationszeitalter längst bemerkbar.

Schaut man zum Beispiel auf die Website der New Yorker Modelagentur “models.com”, wird das Ranking in den sozialen Netzwerken angezeigt. Model Kendall Jenner liegt an der Spitze mit über 84,1 Millionen Follower auf Instagram. Dass der Wert eines Models sich mitunter aus der Anzahl der Follower zusammensetzt, wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen.

Netzwerke spiegeln wieder, was gerade passiert, Informationen können in Echtzeit weitergegeben werden. Die Follower möchten direkt am Leben der begehrten „Fashionista“ teilhaben und Teil ihres Alltags werden, wenn auch nur als Zuschauer.

Die deutschen Blogs „Journelles“ und „This is Jane Wayne“ sind mit täglich jeweils über 12.000 Besuchern am erfolgreichsten. Lukrativ sind Anzeigen, bezahlte Artikel und Fotos, mit denen Blogger Produkte vorstellen. Wie viel Geld es dafür gibt, hängt von der Reichweite ab: der Zahl der Leser, der Fans auf Facebook, der Follower auf Instagram und Twitter. Für Modeunternehmen ist das Investieren in soziale Medien ein wichtiges Marketinginstrument geworden. Modeblogger sprechen eine modeaffine, kauffreudige Zielgruppe an. Sie schreiben schnell und persönlich. Sie setzen die Kleidung gekonnt in Szene und tragen sie bei Veranstaltungen mit hoher Fotografendichte. Sie sind perfekte Werbeträger und sind nicht mehr wegzudenken, besonders in der schnelllebigen Welt der Mode.

Trends passieren einfach, „sie entstehen auf der Straße“, erläutert die legendäre Trendforscherin Li Edelkoort. Und zwar immer dann, wenn die Menschen plötzlich dieselbe Wellenlänge haben und danach handeln. Im Gegensatz zu Moden sind Trends langfristige Strömungen, die meist erst einmal unter der gesellschaftlichen Oberfläche und in Subkulturen leben, ehe sie auf einmal die Massen erfassen und zwischen fünf und 30 Jahre andauern können, wie man an dem „Wellnesstrend“ oder auch am Trend „alterslose Gesellschaft“ beobachten kann.

Wo und wie der Zeitgeist greift, bestimmen die Konsumenten selbst, also wir. Könnte man Trends einfach erfinden, würden Marketingmanager dies mit Begeisterung tun und nicht für viel Geld Trendagenturen anheuern, die jede neue Entwicklung so früh als möglich aufspüren. Wirtschaftliche, soziale und vor allem mediale Einflüsse lösen einen Boom aus und spielen bei der Entstehung, Verstärkung und der Verbreitung von Trends eine tragende Rolle.

Doch am Ende feiern Modemagazine die neuen Trends, Werbekampagnen stellen sie in den Mittelpunkt und Blogger erklären sie zu ihren Lieblingsteilen. Ungefähr sechs Wochen benötigen Modeketten wie Zara, Mango oder H&M, um die Laufstegtrends von Haute Couture und Prêt-à-porter umzusetzen. Wir dürfen auf die Umsetzung gespannt sein…

 

Dagmar Patricia Armbruster